Der Strohhalm

10 Uhr, Zeit für den Ranger. Klaus reckte den Kopf aus dem Büdchenfenster und ja, von links rollte er an. Hinten im Drahtkorb des Rollstuhls klapperte der Gehstock mit den Abzeichen dran, als der Ranger übers unebene Pflaster vorm Kämpentreff fuhr. “Warum hat der immer den Stock dabei?”, dachte Klaus. Er hatte den Ranger nie laufen sehen. Der Rollstuhl hielt, der Ranger schob seinen Cowboyhut nach hinten, blickte auf. “Morgen, ein DAB.” Klaus holte die Flasche aus dem Kühlschrank, wie jeden Mittwochmorgen. Mittwochs DAB für den Ranger. Er schlurfte raus, drückte dem Alten die Flasche in die Linke. Der Ranger kratzte sich die grauen Bartstoppeln, holte sein Messer aus der Gürteltasche, hebelte den Deckel mit der stumpfen Seite ab. Er fummelte in der Brusttasche des Holzfällerhemds nach dem Strohhalm. Mittwochs der rote Strohhalm. “Prost, mein Lieber!” Klaus nickte ihm zu. Und heute fragte er: “Sach ma, warum immer der Strohhalm?” Der Ranger zog sich etwas vom Pils, schmatzte. “Komplementärkontrast. Grün-Rot, ne?” Klaus verstand nicht und um etwas zu sagen, kommentierte er, was er verstand: “Aber das Bier, das ist doch gelb.” Der Ranger kicherte. “Gelb, gelb, gelb. Recht haste, scheiß auf den Strohhalm!” Er warf das Plastikröhrchen hinter sich, legte den Kopf in den Nacken und lachte laut los.

found straw

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Der Barbier

Der Alte wankte aus dem Kämpentreff, hielt sich an der Klinke fest, drehte sich umständlich in Tims Richtung. Der kommt gleich den Bürgersteig hoch! Tim duckte sich hinter den Trafokasten. Er musste den Alten täuschen. Einen Bart machen, schnell! Tim wühlte in seiner Plastiktüte, das Hundefutter, die Pilze, ah, die Bartcreme! Die Tube glitt ihm aus den schwitzigen Händen. Tim griff wieder zu, hantierte am Verschluss, aufrollen, aufrollen. Es ging nicht, warum bauten die so einen Mist, das wissen die doch, dass man die schnell braucht. Tim schlug mit der Faust auf die Tube, weiße Creme spritzte aufs Trottoir. Tim rieb sich den kalten Stoff ins Gesicht. Oh bitte, mach schnell, wachse! ”Na, Kleiner?” Tim erstarrte, schielte hoch, der Alte lehnte am Trafo. Seine Glatze glänzte vom Nieselregen, er betrachtete den Boden. “Musst du doch aufdrehen.” Der Alte lachte, kniff die Augen zusammen, dass die Knastträne verschwand. “Spiegel hat er auch nicht.” Der Alte beruhigte sich, die Träne war wieder zu sehen. Er sagte: “Aber Messer hab ich für dich.”

Rasier die Strasse

Fotografiert von Flickr-Mitglied Papenburger – vielen Dank fürs Teilen in der Flickr-Gruppe der Dinge auf der Straße.

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Der mit dem Fisch in der Hand

Herbert starrte den Mann an, der ihm vor der Freibad-Pommesbude einen Plastikfisch hinhielt. “Nimm schon, schenk ich dir.” Aber Herbert betrachtete nicht den bunten Plastikfisch, er fixierte die Augenklappe des Herren mit den langen, grauen Haaren. War der Mann Pirat? Herbert kannte Augenklappen nur aus Bilderbüchern, aber die Piraten da hatten immer auch ein Holzbein. Sein Blick wanderte hinunter an der hageren, leicht gebeugten Gestalt. Der Mann lachte, schlug mit dem Fisch gegen sein rechtes Bein: “Alles echt.” Dann warf er den Fisch Herbert zu, der fing instinktiv, und als er aufschaute, verschwand der Einäugige im Gedränge der Badegäste. Herbert hörte Mutters Stimme hinter sich: “Warum stehst du nicht an, du solltest doch Pommes holen? Was hast du denn da?” Herbert erzählte, ein Pirat habe ihm den geschenkt. Einer mit Augenklappe? Ja. Mutter nahm ihn mit den Armen an beiden Schultern, ging in die Hocke, sah ihm ins Gesicht: “Das war der Augenjäger. Der gibt kleinen dummen Jungen wie dir seinen Fisch, der holt sich nachts ein Auge von dir und bringt es ihm. Als Ersatz.” Sie riss ihm den Fisch aus der Hand, warf ihn fort, zerrte Herbert hinter sich her, weg, zum Ausgang. Mutter weinte.

Fisch im Winterschlaf

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Das Schwein schweigt

“Das geht nicht. Das Schwein ist böse”, sagte Philipp zu dem Jungen. “Wirklich, nur kurz”, bettelte der Kleine, der eben vom Spielplatz herüberkommen war. Neugierig geworden, weil der Mann da auf der Bank am Freiluftschach stritt. Mit dem Schwein über seiner linken Hand, wie der Puppenmann im Kindergarten vorige Woche. “Du bist überflüssig”, sagte das Schwein. Philipp zuckte zusammen, er blickte zum Jungen. Hatte er es gehört? Nein, wohl nicht, das Schwein wandte sich nur an ihn für gewöhnlich. Und ja, es fing wieder an: “Mach Schluss, mach zu, lass es, kleb’s fest, mach schon, mach schon.” Der Kleine kam noch etwas näher, guckte das Schwein an. “Warum hast du da Kleber?” Oh nein, der Sekundenkleber. Philipp schob die rechte Hand hinter die Kniekehle, versteckte die zusammengeklebten Finger. “Nicht ich, das Schwein, es hat…”, begann Philipp. Und dann war die Lösung da. Es war so einfach. Der Junge konnte es festkleben. Es sprach nicht zum ihm. Philipp lächelte den Kleinen an: “Du darfst das Schwein halten, aber nur wenn du mir eines versprichst”

2008-04-27 073

Fotografiert von Flickr-Mitglied PF60 – vielen Dank fürs Teilen!

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Aber am schlimmsten

Gitti saß mit der fast geleerten Dose Hansa in der Hand auf dem Sofa. Sie wollte jetzt nicht aufstehen, gar nicht aufstehen, abgesehen davon, dass sie es nicht konnte, ohne Unterschenkel. “Willste auch los?”, nuschelte Manfred, während er sich eine neue Kippe anzündete, dann hielt er Gitti die Schachtel hin. Sie winkte ab, und dachte an den Blauen Peter. Kurz nach sechs, Klaus war bestimmt schon da jetzt, Manuela wohl auch. Und Gitti dachte an den Weg. Zwei Ampeln, an der Bundesstraße war für Fußgänger immer Rot. Schlimm war nur das Anhalten, wenn Leute an der Ampel runter guckten zu ihr, in den Einkaufswagen und schnell wegsahen. “Ach, geh du allein.”, sagte sie. Manfred trat ans Sofa, hob sie hoch, trug sie zum Fenster. “Ich zeig dir was”, sagte er, die Kippe tanzte dabei in seinem Mundwinkel. “Da unten, schau, die Teschners haben sich auch einen Einkaufswagen geholt, für die Kinder, sagt die Alte.” Gitti schloss die Augen.

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Mutters Probleme

Es klingelte, Klaus schlurfte zum Verkaufsfenster des Büdchens. Draußen der kleine Herbert, 20 Jahre, immer derselbe Gesichtsausdruck, wie bei der Bescherung, so hatte der als Kind schon da draußen geguckt. Eins war heute anders: Herbert hatte eine Gummipuppe im Arm. Fenster auf. “Für 50 Cent von den Cola-Krachern bitte.” Klaus stand einen Moment nur da, schaute den lächelnden Herbert an und die mit eimem geblümten Bademantel bekleidete,  stramm aufgeblasene Gummipuppe in seinem Arm. Klaus besann sich, griff eine Papiertüte, schaufelte Cola-Kracher für Cola-Kracher hinein. Herbert rief von draußen: “Nee, mach für einen Euro. Mutter will heute auch probieren.” Klaus legte Tüte beiseite, ging noch mit dem Schäufelchen in der Hand, zur Tür, öffnete, trat hinaus. Herbert blickte zu ihm hoch.
- ”Mutter?”
- “Sie fühlt sich besser, sie wollte etwas raus.”
- “Herbert, deine Mutter ist gestorben, voriges Jahr.”
- “Nee, nee, ich hab sie doch eben abgeholt bei dir im Schuppen hinten. Da, wo ihr immer hingeht.”
Klaus verlor die Beherrschung.

Heiliger Bimbam

Von Flickr-Mitglied subsilk bei den Dingen auf der Straße geteilt. Vielen Dank!

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Des Kleinen Übergewicht

Trinken bei den Nachbarn? Oder ins Kino? Tim ging die Diele auf und ab, er schwitzte,  atmete schnell. Kerstin schaute ihm zu: “Lass uns rausgehen, ich will wirklich was Schönes sehen, mit  Menschen.” Tim schaute sie kurz an, an ihr vorbei. “Das kann man nicht einfach so entscheiden, das ist wichtig.” Er drängte sich an Kerstin vorbei in die Küche, griff Salzstangen aus der Schachtel auf dem Tisch, brach einige in der Mitte durch. “Ich werfe ein I Ging.” Tim setzte sich an den Küchentisch, warf. “Ich glaub, das ist Des kleinen Übergewicht.” Er sprang auf. “Ich muss nachgucken.” Tim eilte aus dem Zimmer, suchte etwas, wohl das Zeichenbuch, rief immer wieder, immer lauter “das ist nicht gut, das ist nicht gut”. Kerstin öffnete das Küchenfenster, nahm die Salzstangen vom Tisch, schmiss sie hinaus auf den Bürgersteig und sagte leise zu sich: “Nein, es ist nicht gut.”

Von Flickr-Mitglied universaldilletant im Fotopool der Dinge auf der Straße geteilt. Vielen, vielen Dank!

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Ballerinas zum Frühstück

Hundefuttergeruch. Stoßweise warmer Atem im Gesicht. Klaus öffnete die Augen, sah graue Bürgersteigplatten und, eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt den schnüffelnden Hund. Klaus richtete sich auf, sah, wie die Leine sich straffte, der Basset zur Seite weggezerrt wurde. Klaus blickte ihm und der dicken Dame am Ende der Leine hinterher. Ihm war schwindelig. Wo war er? Warum? Er drückte seine Handflächen gegen die Schläfen. Da, neben ihm lag ein Paar rosafarbene Ballerinas. Klaus nahm sie, betrachtet sie von nahem und erinnerte sich schlagartig an das Ende der vorigen Nacht: Mohngeruch, er wacht auf, Hunger, in der Küche haut er aus einer Dose im Kühlschrank Fleisch in einen Topf, dreht den Herd auf, es ist zu stickig, zu eng, er will weg, der Topf ist heiß, er sieht die Ballerinas auf dem Boden, streift sie über, nimmt den Topf, läuft los, die Straße entlang, der Topf ist abgekühlt, er isst mit den Händen daraus. Klaus tastete über sein Gesicht. Klebrig. Er roch an seinen Fingern. Hundefutter. Klaus übergab sich.

Schuhe

Von Flickr-Mitglied universaldilletant im Fotopool der Dinge auf der Straße geteilt. Vielen, vielen Dank!

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Einsamer Reiterstiefel

Und jetzt auch noch Regen! Von Kinewitz hob die Papiertasche mit den Einkäufen hoch, drückte sie mit beiden Händen an seinen Bauch. Er hastete den Bürgersteig entlang, als die Tüte plötzlich nachgab, von Kinnewitz hielt, presste die durchweichte Papiertüte stärker an sich. Sie riss weiter auf, die Apfel-Zwiebel-Schlemmerpastete fiel zuerst aufs Pflaster, das Glas zersprang. Und da gab von Kinewitz auf. Er ließ die Einkäufe fallen, blickte auf das Stückchen Schlemmerpastete auf seinem Reiterstiefel hinunter und war angewidert von diesem Leben. Wen täuschte er mit den polierten Stiefeln, wen mit den Papiertüten vom Biosupermarkt? Nur sich. Von Kinwitz zog die Stiefel aus, packte das Adelskronen Export, die Salami und das Zwiebelbrot in den rechten, den anderen ließ er liegen und schritt davon, ein gebrochener Mann in gestopften Socken.

Reitstiefelfund1527

Fotografiert von Flickr-Nutzer Picmic51 – danke fürs Teilen mit der Flickr-Gruppe!

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Gummibärchen wandern aus

Von Oliver Wagemann in Leipzig fotografiert. Vielen Dank fürs Teilen bei Flickr!

Gummibären

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