Der Weiterflug ist gestrichen, der Koffer irgendwo für mich unerreichbar unterwegs - plötzlich 18 Stunden Zwangsfreizeit in New York, ausgestattet mit einer Zahnbürste der Fluggesellschaft und meinem Fotohandy. Immerhin. Wunderbare Gelegenheit, einmal die Stadt zu sehen und viele Fotos zu machen.
Theoretisch. Denn nach ein paar Stunden ist Schluss mit Knipsen und Telefonieren - der Akku des Mobiltelefons ist leergesaugt, das Ladegerät im Koffer verschollen. Den Rest des Tages dann vor allem New Yorker Elektro- und Fotoläden besichtigt. Ergebnis: Es gibt überall die Mignon- und Micro-Batterien zu kaufen, die vor Jahren auch in Deutschland fast jeden Walkman, Minidisc-Abspieler und auch viele der ersten Digitalkameras angetrieben haben. Einen Akku für mein Nokia 6110 Navigator habe ich hingegen nirgends gefunden, ein Ladegerät auch nicht.
21 Akkutypen für 50 Nokia-Geräte
Früher war nicht alles besser - die Akku-Auswahl aber ganz sicher, da kleiner: Für Mobiltelefone und Digitalkameras baut jeder Hersteller seine eigenen Akku-Modelle. Die sind oft sogar ähnlich groß, passen aber dennoch nicht in die Geräte anderer Hersteller, ja nicht mal in andere Gerätemodelle derselben Firma.
Bei Nokia gibt es im Moment allein für die derzeit 50 im Handel vertriebenen Mobiltelefone 21 verschiedene Akku-Typen. Kein Wunder, dass man bei dieser Vielfalt im Urlaub nicht mal eben Ersatz kaufen oder die Batterien aus der Kompaktkamera ins Mobiltelefon stecken kann.
Der Unterschied: Die alten, runden Batterien und Akkus, die früher in fast alle Unterwegsgeräte passten und heute noch überall zu kaufen sind, waren genormt. Das American National Standards Institute (ANSI) gab die Größe vor - mehr als ein halbes Jahrhundert ist das her. 1947 definierte das ANSI eine Standardgröße und -Spannung für die sogenannten AA-Zellen, auch als Mignon-Batterien bekannt.
Viele neue Unterwegsgeräte, aber keine Akku-Standards
Diese Norm und ein paar andere Vorgaben für Batteriegrößen machte die Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) weltweit zum Standard. In Deutschland hat das Institut für Normung (DIN) sie übernommen.
Seither ist die Anzahl und Vielfalt akkubetriebener Geräte explodiert (Laptops, Digitalkameras, Mobiltelefone, Navigationsgeräte) - neue Standards für Akku- und Batteriegrößen gibt es nicht.
Die kann ein Institut wie das DIN auch nicht einfach so erlassen, da müssen sich die Vertreter der Hersteller einigen. DIN-Sprecher Peter Anthony: "Die Normung der Schnittstellen bei Netzteilen und Ladegeräten ist in der Tat seit langem ein Ziel unseres Verbraucherrats."
DIN warnt vor "tonnenweise Elektroschrott"
Schon vor zwei Jahren, im Juni 2006, hat dieses Gremium einen eigenen Normungsvorschlag veröffentlicht - für, so der Titel: "Schnittstellen von Batterieladegeräten und akkubetriebenen Alltagsgeräten für Verbraucher".
Ihren Vorschlag begründen die Verbrauchervertreter so: "Die vollständige Individualisierung der Schnittstelle zwischen Ladegerät und akkubetriebenem Alltagsgerät hat zu einer unüberschaubaren Vielfalt von nicht kompatiblen Bauteilen geführt. Dieser Umstand ist kostenintensiv, führt zu tonnenweise elektronischem Abfall, verhindert eine Vereinfachung der Entsorgung und des Recyclings."
Das stimmt zwar alles - aber neue Akku-Standards wird es wohl trotzdem nicht so bald geben. Für Nokia erklärt der Produktmanagement-Chef Stephan Schwarz: "Eine Standardisierung hat hier wenig Sinn, da die Bauform sowie die Leistungskapazität eines Akkus dem Funktionsumfang und dem Gerätedesign folgt, und nicht andersherum." Abgesehen davon würden Nokia-Akkus strengen Tests unterzogen - "eine Standardisierung würde hier schwer umzusetzen sein".
Dicke Akkus für dicke Alleskönner-Telefone
Kamerahersteller Sony winkt auch ab. Das Verhältnis von Akku-Typen und Modellen ist etwas besser als bei Nokia - auf zwölf aktuelle Kameramodelle kommen 2008 nur vier neue Akku-Typen. Auch Sony-Manager Christian Rauch argumentiert, dass so viel Akku-Vielfalt einfach sein müsse: "Form und Größe unserer Akkus werden durch die Kamerabauform, die Leistung und technischen Anforderungen der Kameraelektronik bestimmt."
Schon klar: Weil die Geräte immer kleiner werden sollen, schrumpfen die Akkus mit. Und natürlich braucht ein Multimedia-Handy mit Xenon-Blitz und GPS mehr Strom (und einen dickeren, teureren Akku) als ein Simpel-Telefon, das weniger kann, weniger kostet und weniger wiegt.
Einen Einheitsakku für alle Unterwegsgeräte, wie es vor vielen Jahren die AA-Zellen waren, wird es wohl nicht mehr geben. Bernd Theiss, Technik-Chef beim Fachmagazin "connect" begründet das so: "Mein MP3-Player ist kaum größer als ein Handyakku, da ist der Akku natürlich fest eingebaut. Und meine Digitalkamera ist so groß, dass ein dicker, handyuntauglicher Akku nicht stört, aber die nötigen Ausdauerreserven bringt."
Trotzdem: 21 Akkutypen für 50 Gerätemodelle - muss wirklich so viel Vielfalt sein? Und ist es wirklich unvermeidbar, dass die Akkus einer digitalen Kompaktknipse von Sony nicht in ein Panasonic-Modell passen, dass überhaupt kaum ein Kompaktakku in andere Kameras passt? Etwas Vielfalt ist technisch bedingt - totales Chaos muss aber nicht sein.
Baugleiche Akku-Typen mit minimalen Veränderungen
Horst Gottfried, Technik-Experte beim Fachmagazin "Colorfoto" erinnert daran, dass bei Kameras schon in der Analog-Ära verschiedene, manchmal nicht standardisierte Akku-Typen genutzt wurden: "Da gab es schon zig Sorten Knopfzellen, später wegen leistungshungrigen Extras wie Blitz und Motorzoom drei Typen von Lithium-Zellen."
Gottfried urteilt: "So lange aber unterschiedliche Akku-Typen aus technischen Gründen bedingt sind, sehe ich das gelassen. Ärgerlich wird es, wenn verschiedene Kamerahersteller einen technisch baugleichen Akku-Typ verwenden, aber dann die Kontakte anders plazieren, damit nur die eigenen Akkus in Kamera und Ladegerät passen."
Gottfried glaubt folglich nicht daran, dass die Hersteller irgendwann einen Akku-Standard für Digitalkameras etablieren werden: "Die wollen sich das lukrative Akku-Zusatzgeschäft doch nicht nehmen lassen."
Wer also ohne Ladegerät und mit ausgelaugter Digitalknipse in einer Stadt strandet, kann entweder alle Elektroläden besichtigen, gleich eine neue Digitalkamera kaufen (und dann stundenlang aufladen) oder einfach eine Einwegkamera mit Film nehmen. Die gibt es auch zuhauf in all den Läden, die AA-Batterien führen. Analog schlägt digital - manchmal.
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