Die Idee ist genial, die Technik uralt und die Probleme auch: 1887 stellte der Süßkram-Konzern Stollwerck den ersten Verkaufsautomaten (für Schokolade!) in Deutschland auf, 1888 konnte man in New Yorker U-Bahnhöfen die ersten Kaugummis am Automaten ziehen, und heute spucken in Deutschland fast 500.000 stumme Verkäufer Zigaretten aus, nachdem man Münzen eingeworfen hat.
Meistens jedenfalls.
Die Kratzspuren auf den Verkaufsautomaten für Cola, Fahrkarten und Zigaretten dokumentieren, dass ein nun schon mehr als hundert Jahre altes Problem immer noch auftritt ist: Münz-Verweigerung. Darüber regten sich Menschen schon im vorigen Jahrtausend auf. Im Mai 1905 zum Beispiel klagt der Automatengeschädigte Benjamin Reich in einem Leserbrief der "New York Times" sein Leid mit den Kaugummiverkäufer: "Ich habe Penny um Penny eingeworfen, gute, ordentliche Münzen, und alles, was ich dafür bekommen habe, war das Vergnügen, gegen die Maschine gehämmert und dabei meine Hand leicht verletzt zu haben."
1905 schluckten die Automaten manchmal die Münzen einfach, heute spucken sie das Geld immerhin wieder aus. Der Grund ist derselbe: Der Prüfer im Automaten hält die Münzen für falsch. Solche Tester bauten die US-Automatenhersteller schon Ende des 19. Jahrhunderts ein, nachdem Kinder entdeckt hatten, wie man die Automaten austricksen konnte.
Schon 1891 hämmerten in Chicago Kinder systematisch Bleistücke von Rohren in Münzform und warfen Sie dann in die Verkaufsautomaten - mit Erfolg. Dann wurden Münzprüfer eingebaut, die nach Merkmalen wie dem Gewicht die Echtheit der Geldstücke bestimmten. Und manchmal schlugen sie eben Fehlalarm.
So ist das heute noch: Burkhard Armborst, Sprecher des Automatenbetreibers Tobaccoland (verkauft jährlich 175 Millionen Zigarettenpackungen an mehr als 100.000 Automaten), beschreibt das Problem: "Bei der Prüfung und Annahme von Münzen befinden wir uns in einem Zwiespalt: Einerseits wollen wir so viele echte Münzen wie möglich annehmen, andererseits so viele falsche Münzen wie nötig ablehnen."
Eine Million Verkaufsautomaten in Deutschland
Und das geht einfach nicht fehlerfrei, weil nach ein paar Monaten Zahlungsverkehr zwei echte Münzen sehr, sehr unterschiedlich aussehen können. Tobaccoland-Sprecher Armborst erklärt: "Zum einen mit einem gewissen Toleranzspielraum geprägt, durch die Abnutzung im Geldverkehr kommt es dann zu erstaunlichen Schwankungen - echte Euro-Münzen sind ganz unterschiedlich schwer und dick."
Deshalb schlagen Münzprüfer auch bei manchen echten Münzen Fehlalarm. Wie oft? In Labortests, so Automatenbetreiber Tobaccoland, bewege sich der Anteil solcher Fehlentscheidungen der Münzprüfer "im Promillebereich", bei echten Witterungsbedingungen draußen könne er aber "durchaus etwas höher sein".
Bei der Masse an Automatenkäufen würde aber auch schon eine Fehlerquote von fünf Promille fast 2500 Fehlentscheidungen täglich bedeuten - bei den 100.000 Tobaccoland-Automaten allein. Insgesamt stehen in Deutschland laut dem Verband der Deutschen Automatenindustrie fast eine Millionen Verkaufsautomaten (für Zigaretten, Getränke, Fischköder und Fahrradschläuche). Angenommen, es werden bei allen Automaten im Durchschnitt ähnlich viele Transaktionen abgewickelt wie bei Tobaccoland, macht das hochgerechnet knapp 25.000 fälschlicherweise als unecht wieder ausgespuckte Münzen am Tag.
Rubbeln hilft nicht
Schaut man sich die Kratzspuren an den Geräten an, hält sich der Mythos hartnäckig, dass es hilft, die Münzen an Metall zu reiben. Stimmt aber nicht, sagt Tobaccoland-Sprecher Armborst: "Das Rubbeln hilft gar nicht. Aber es hilft, die einmal abgewiesene Münze noch einmal einzuwerfen." Denn wenn Gewicht, Masse und Material der Münze ganz nah an der Toleranzschwelle des Prüfers sind, kann sie beim zweiten Versuch durchaus akzeptieren - egal ob man davor rubbelt oder nicht.
Wenn es beim zweiten Versuch klappt, führt man das auf der Suche nach einem anderen Grund als den simplen Zufall zurück - das Rubbeln. So nährt sich der Mythos.
Das Prüfproblem ist also nicht zu lösen, man kann es nur umgehen. Mit Zahlungsmitteln wie der Geldkarte zum Beispiel. Ganz selten verweigern Verkaufsautomaten die Geldkartenzahlung (wenn der Akku eines Automaten fast leer ist) oder buchen ab, ohne Zigaretten auszuspucken (mechanische Probleme).
Trotzdem benutzt kaum jemand diese Karten zum Bezahlen - der Anteil von Geldkartenzahlungen liegt bei Tobaccoland-Automaten im niedrigen zweistelligen Prozentbereich - sogar mit Scheinen wird häufiger bezahlt.
Abgesehen von der wenig geliebten Karte ist ein wesentlicher Fortschritt der Münzautomaten in den vergangenen hundert Jahren also, dass sie irrtümlich für unecht erklärte Geldstücke wieder ausspucken. Das erspart uns den Frust, der 1905 Benjamin Reich in New York auf Kaugummiautomaten einprügeln ließ.