Wer noch nie ein Baby durch die Gegend geschoben hat, wird überrascht sein: So manches Babygefährt kostet als Neuwagen locker so viel wie ein Macbook. Zum Vergleich: Ein tragbarer Computer versammelt diverse Prozessoren, Speicherchips und sonstige Elektronik-Bauteile auf einer eigentlich lächerlich winzigen Fläche und erfüllt so ziemlich jede Funktion von Stereoanlage bis zum Fernseher.
Ein Kinderwagen besteht aus Plastik, Metall und Stoff und hat gerade mal fünf grundlegende Aufgaben zu erfüllen - er muss bequem und sicher sein, sich gut rollen, zusammenklappen und zuverlässig arretieren lassen.
Nicht einmal das klappt so richtig zum Macbook-Preis. Die Bedienung einiger Babyroller ist aberwitzig schwierig, erzählen Kinderwagenbesitzer, schreiben Kinderwagentester.
Zum Beispiel die Stiftung Warentest, die den Praxisteil eines Vergleichstests von 15 Modellen 2006 so bilanzierte: "Häufig kritisierten die Eltern ein umständliches Zusammenfalten und Aufklappen. Das ist in der Regel nur mit zwei freien Händen und unter kraftvollem Ziehen oder Drücken zu bewerkstelligen."
Schleppen, schrauben, grübeln: SPIEGEL ONLINE dokumentiert die größten Usability-Schwachstellen von Kinderwagen - und was die Hersteller dazu sagen.
Zusammenklappen - gegen die Wand
Dass das mit dem Zusammenklappen noch immer nicht so einfach geht, berichtete das Schweizer Testmagazin "K-Tipp" in seiner Oktober-Ausgabe. Zusammen mit dem Schweizer Fernsehen SF1 ließen die Redakteure ein Institut zehn Kinderwagen im Labor und in der Praxis testen - sechs Kinder im Alter zwischen sechs Wochen und zwei Jahren wurden von ihren Eltern in den Testfahrzeugen durch die Gegend geschoben.
Als einzige Anleitung zur Bedienung erhalten die Eltern das Original-Handbuch des jeweiligen Modells. Fazit der Tester in Sachen Bedienbarkeit beim Zusammenklappen: "Bei einigen geht das ganz leicht. Andere haben einen Sicherheitsmechanismus, der ohne Anleitung kaum durchschaubar ist."
Zum Beispiel der Chicco Trio S3: Dieses Modell schneidet im Praxistest von "K-Tipp" am schlechtesten ab. Redakteur Rolf Muntwyler begründet das vor allem mit den Erfahrungen der Praxistester: "Das Zusammenklappen ist sehr schwierig, viele Hände sind nötig." Im Testbericht heißt es, der Wagen sei "mühsam zu transportieren", zusammenklappen könne man den Trio S3 nur, "indem man ihn zum Beispiel gegen eine Wand drückt".
Chicco-Manager Guido Voigt kann diese Kritik nicht nachvollziehen. Der wegen Sicherheitsauflagen doppelt gesicherte Schließmechanismus sei tatsächlich "komplizierter zu bedienen", aber gegen eine Wand müsse der Wagen ganz sicher nicht gedrückt werden. Voigt: "Beim zitierten Test wurde es jedoch bewusst unterlassen, die Kinderwagen den Testerinnen vorgängig vorzuführen - ein in der Kaufpraxis nicht vorkommender Fall, da diese Modelle ausschließlich in beratenden Fachhandelsgeschäften verkauft werden, Vorführung, Handhabung und Zusammenklappen inklusive."
Sprich: Wer den Chicco-Kinderwagen bei Amazon (dort wird er durchaus von Drittanbietern verkauft) bestellt, ist selbst schuld. Denn, so Guido Voigt: "Jedes Modell hat seinen eigenen Dreh, um ihn einfach und schnell zusammen zu klappen; ohne dies jedoch vorher gesehen zu haben ist es tatsächlich nicht immer leicht – jedes Modell ist da anders."
Zweirad-Modus - bitte beim Händler trainieren
In dem Schweizer Kinderwagentest von "K-Tipp" schnitt auch der Stokke Xplory wegen des arg aufwendigen Zusammenklapp-Mechanismus mit der Note 4,2 so gerade noch befriedigend ab. Der Hersteller Stokke begründet den komplizierten Klappmechanismus mit Sicherheitsanforderungen. Stokke-Manager Ingo Meinert: "Wir können Sicherheit garantieren, wenn sich die Eltern beim Zusammenklappen des Wagens konzentrieren müssen."
Denn beim Xplory wird der Zusammenklapp-Mechanismus auch verwendet, um zwei der vier Räder einzuklappen, wenn Treppen leichter bewältigen werden sollen. Das dürfe nicht versehentlich ausgelöst werden.
Weil das Zusammenklappen des Xplory am Anfang "ungewohnt" ist, rate Stokke Eltern auch, "sich den Mechanismus im Fachhandel zeigen zu lassen."
Guter Tipp - im Handbuch (PDF-Dokument) ist die Darstellung eher dürftig: Auf einer Doppelseite erklärt das Handbuch in elf Sprachen anhand von fünf Passfoto-großen Zeichnungen, wie der Xplory nun zusammenzufalten ist. Auszug: "Den Klemmhebel von unten (B) und oben (A) eindrücken und ohne Loslassen den Griff hochziehen (Abb. 2). Jetzt mit dem Fuß den Fußhebel (C) oben auf dem Bügel drücken und in dieser Stellung den Griff zum Körper hin ziehen (Abb. 3)."
Kinderwagen zu schwer? Selbst schuld!
Das von Testern oft beklagte Gewicht mancher Kinderwagen-Modelle sehen die Hersteller als völlig normal an. Es handele sich dabei schließlich um besonders stabile, geländegängige Modelle. Deshalb sei ein Pauschalvergleich etwa des Chicco Trio S3 mit anderen Kinderwagen nicht statthaft, beklagt Chicco-Manager Guido Voigt: "Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Off-Road Kinderwagen schwerer und voluminöser ist als ein sogenannter City-Wagen, welcher andere spezifische Vorteile wie Wendigkeit, weniger Gewicht und kompaktere Außenmasse aufweist."
Hier sollten sich Eltern besser überlegen, was sie eigentlich wollen, fordert Manager Voigt: "Niemand kauft einen Smart fürs Gelände, keiner ist in der Innenstadt gut bedient bei der Parkplatzsuche mit einem Cayenne."
Sprich: Wer sich einen besonders stabilen Kinderwagen kaufe, solle auch nicht über das Gewicht meckern: "Das Ärgernis im Alltag ist somit weniger in der Technik zu suchen, sondern ist ein Resultat von gekauften Produkten, welche womöglich nicht den Erwartungen der Konsumenten entsprechen, weil vor dem Kauf keine anständige Bedürfnisabklärung und Beratung gemacht wurde - Stichwort: Internet, Discounter, SB-Schiene."
Tatsächlich würden im Durchschnitt nur zwei bis fünf Prozent der mit einem Kinderwagen zurückgelegten Strecken auf unbefestigtem oder schneebedecktem Terrain liegen.
Anders argumentiert der Hersteller Stokke gegen die Kritik am Gewicht des Modells Xplory. Stiftung Warentest urteilte 2006: "Das Gefährt ist insgesamt aber so unhandlich, dass man es weder zusammenklappen noch irgendwo hinauf- oder hineinheben möchte. Am besten bleibt es bis zur nächsten Ausfahrt in der Garage oder im Wirtschaftsraum stehen – falls vorhanden."
Stimmt schon, sagt der Hersteller - mit knapp zwölf Kilo sei der Xplory wirklich schwerer als jeder andere von Stiftung Warentest geprüfte Kinderwagen. Aber man müsse ihn ja ganz selten anheben. Manager Ingo Meinert: "Da man aber zwei Räder abklappen kann und den Xplory dadurch wie eine Sackkarre in Bus oder Bahn ziehen kann, ist es seltener nötig, ihn zu heben als bei herkömmlichen Kinderwagen." Abgesehen davon: "Zusammengeklappt ist der Xplory ungefähr 42 x 99 x 57 Zentimeter groß – und passt damit sogar in den Kofferraum eines Porsche."
Finger klemmen mit der Feststellbremse
Das geht zu einfach: Die Parkbremse des Kinderwagens Bugaboo Cameleon löst man mit einem Knopfdruck. Das Problem dabei ist, dass der Bremshebel mit einem Ruck zurückschnellt - zum Gestellt hin, an dem man mit der anderen Hand gerne den Wagen festhält. Wer da nicht aufpasst, kriegt einen Schlag auf die Finger.
Das kann passieren, gibt Bugaboo-Sprecherin Damaris Beems zu. Aber nur, wenn man den Wagen "falsch" hält. Überhaupt rate man im Handbuch ja nicht ohne Grund dazu, die Bremse mit zwei Händen zu lösen: "Eine Hand drückt den Knopf, die andere hält den Bremshebel fest."
Allerdings machen das Menschen, die die Anleitung nicht auswendig gelernt haben, intuitiv offensichtlich anders. Zu helfen ist ihnen scheinbar nicht - Bugaboo-Sprecherin Beems: "Natürlich haben wir unsere Entwickler nach Bedienungsalternativen suchen lassen, aber bislang ist das Ergebnis, dass jede Änderung am Mechanismus, zum Beispiel eine schwächere Feder, die Sicherheit beeinflussen würde."
Zum Bremsen einmal um den Wagen winden
Warum die Bremse beim aktuellen Bugaboo-Modell mit der Hand zu bedienen ist, lässt sich mit den schlechten Erfahrungen beim Vorgängermodell Frog erklären. Da saßen die Bremsen an den Vorderrädern, was die Besitzer nervte. Heike Le Ker zum Beispiel, die klagt: "Man muss sich immer um den Wagen winden, um mit der Fußspitze die Bremse vorn an den Reifen festzustellen."
Die Vorderräder waren in der Tat nicht der ideale Platz für die Bremsen, das gibt Bugaboo-Sprecherin Damaris Beems zu: "Unsere Entwickler haben erkannt, dass es zu kompliziert war, die Bremse so zu erreichen. Deshalb hat das Nachfolgemodell eine Handbremse."
Die lässt sich leicht bedienen, klemmt dafür aber manchem Nutzer die Finger ein. Was wohl eine Bremse an den Hinterrädern anrichten könnte?
Anleitung zur Komplett-Demontage
Mit dem Luxus-Kinderwagen "Hartan VIP" hat "Harvard-Businessmanager"-Redakteurin Cornelia Geißler zwei Probleme: Das Handbuch erklärt wenig ("Klapp- und Verstellpositionen sind weder in der Anleitung vernünftig erklärt, noch sind am Wagen irgendwelche Aufkleber oder Hinweise angebracht"), vor allem nicht, wie man die Hartan-Karosse mit zwei Händen zusammenlegt.
Das Problem: "Es gibt keine Griffe oder Angreifpunkte, um den zusammengeklappten Wagen vernünftig anzuheben; gut packen kann man das Trumm nur an Griff und Fahrgestell - was allerdings dazu führt, dass der Wagen beim Anheben automatisch wieder auseinander klappt."
Hartan-Sprecher Dieter Winkler erklärt, dass hier eine etwas radikalere Demontage hilft: "Zum Tragen und Transportieren sowie zum Verstauen im Auto müssen die Oberteile abgenommen werden, dann können sie bequem an dem Haltegriff der Babyschale sowie am Querrohr des Gestells getragen werden."
Wie das geht, beschreibt die Anleitung des Hartan VIP mit Sätzen wie
"Klappen Sie den Tragebügel 24 nach hinten. Dann ziehen Sie die beiden Kunststoffösen 23 innen im Wagen einfach nach oben und rasten die seitlichen Aluminiumstreben in die Kunststoffhalter am Boden. Zum Öffnen klappen Sie den Tragebügel 24 nach oben bis er einrastet und drücken nur den Boden der Tragetasche nach unten."
Dieses Format der Anleitung erklärte Hartan-Sprecher Winkler, als SPIEGEL ONLINE über unverständliche Handbücher berichtete, so: "Eine Illustration ist aufgrund der Vielzahl von Bedienungsanleitungen nicht zu verwirklichen. Wir haben 14 verschiedene Modelle, die für 16 Länder in unterschiedliche Ausführungen gedruckt werden müssen." Die wegen ständiger Verbesserung nötige "laufende Überarbeitung der Illustrationen" würde "den Aufwand nicht rechtfertigen".