Was hat Microsoft-Gründer Bill Gates nicht schon alles prophezeit. Vor fünf Jahren zum Beispiel den Siegeszug der vernetzten Allzeit-Online-Armband-Uhr (mehr...). Gates, der sich Ende dieses Monats endgültig aus dem Microsoft-Geschäft zurückzieht, orakelte im Jahr 2000, die Armbanduhr werde sich vom "Zeitmesser" zur "Informationsquelle" entwickeln. Das sei eine "grundlegende Veränderung".
Für diese Vision hat Gates seitdem viel Häme kassiert - denn gemessen an angeblich geplanten fünf Milliarden Dollar Entwicklungskosten für das zugrundeliegende Spot-Konzept ("Smart Personal Object Technology") ist die Zauberuhr ein Totalflop.
Gates hat immer schon gern orakelt - und damit kräftig Öffentlichkeitsarbeit für Microsoft-Produkte gemacht. Sein 1995 veröffentlichtes Buch "The Road Ahead" ("Der Weg nach vorn") ist eine elaborierte Vorhersagensammlung.
Eine von Gates' Prognosen aus dem Band ist mit Sicherheit eingetreten: "Was ich korrekt vorhergesagt habe, wird als offensichtlich erachtet werden, die Fehlprognosen werden amüsant sein", zitiert das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" aus der englischen Ausgabe.
In der Tat: Über die Microsoft-Armbanduhr lachen Nerds noch immer. Aber mit ein paar Prognosen lag das Gates-Orakel ziemlich richtig.
Musikvertrieb, Digitalgeld, E-Mail-Nutzung - SPIEGEL ONLINE analysiert die Trefferquote des großen Gates:
Die CD stirbt - Treffer
Als Bill Gates an dem 1995 erschienen Buch "Der Weg nach vorn" arbeitete, waren "Ace Of Base" und "East 17" in den Charts und Shawn Fanning, der Jahre später die Software für die erste populäre Musiktauschbörse Napster programmierte, feierte seinen 14. Geburtstag. Es gab damals noch keine MP3-Player, denn der erste kam erst 1998 auf den Markt (mehr..., siehe auch Fotostrecke unten), und Apple siechte dahin. Der erste iPod erschien erst Ende 2001.
In diesem Musikmittelalter formulierte Bill Gates eine Prognose, die heute banal klingt - weil sie eingetreten ist:
"Musik-Labels und sogar einzelne Künstler könnten sich entscheiden, Musik auf einem neuen Weg zu vertreiben. Sie, der Kunde, werden keine CD, Kassetten oder andere physische Datenträger mehr brauchen. Die Musik wird digital auf Servern gespeichert sein. Einen Song oder ein Album zu "kaufen", wird bedeuten, das Recht zu erwerben, die entsprechenden digitalen Daten abzurufen."
Gates hat lange vor Napster und iPod vorausgesagt, dass die Digitalisierung CDs verdrängt, das Album als Vertriebspaket in Frage stellt, den Musiklabels die Macht nimmt - und sie den Künstlern gibt.
Digitalmusik kommt als Stream - daneben
In einem entscheidenden Punkt irrte Gates aber bei seiner Vision von der digitalen Musikwelt: Er dachte 1995 nicht an Download-, sondern an Streaming-Angebote.
Er beschrieb eine Welt, in der man Musik "zu Hause, im Büro, im Urlaub" hören könne, ohne "eine große Sammlung von Titeln mit sich herumzuschleppen". Denn überall würden "Lautsprecher mit Anschluss an die Datenautobahn" stehen, über die man nach einer Identifizierung seine Musik abrufen könne.
Kleiner Denkfehler dabei: Wie kommen die Streams zu Joggern, Autofahrern oder Menschen, die am Badesee liegen? Und das auch noch kostenlos, denn wer bezahlt schon für die Übertragung seiner gekauften Musik?
Das große Bild hat Gates 1995 erstaunlich zutreffend erfasst - dass er das Detail mit den Musik-Downloads übersah, könnte ein Grund dafür sein, dass Apple den Markt für Digitalmusik 2001 mit dem iPod und der iTunes-Software aufmischte. Solange das Netz nicht bei geringen Kosten allgegenwärtig ist, gibt es einen Markt für Musikabspieler mit eigenem Speichermedium.
Diesen Download- und Unterwegsabspielmarkt bedient nun Apple, nicht Microsoft mit seinem iPod-Nachzügler Zune (siehe Fotostrecke oben).
Vom Winde verweht mit Zuschauerstimmen - daneben
Diese Fehlprognose ist nicht bloß amüsant, sie war schon 1995 komplett lächerlich: Gates (oder einer seiner Co-Autoren) phantasierte in der Orakel-Sprüchesammlung "Der Weg nach vorn" eine Welt herbei, in der Zuschauer sich einen Filmklassiker wie "Vom Winde verweht" mit "ihren eigenen Gesichtern und Stimmen anstelle derer von Vivien Leigh und Clark Gable" ansehen können.
Das geht auch anderthalb Jahrzehnte nach der Prophezeiung nicht - vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil diese Vorstellung nur recht wenige Menschen begeistert.
Für die "Vom Winde verweht"-Mitmachversion muss sich Bill Gates seither belächeln lassen. Als das US-Magazin "Time" ihn im Jahr 2000 zu einem der 100 wichtigsten Menschen des 20. Jahrhunderts erklärte, zitierte es in seiner Gates-Würdigung aus "Der Weg nach vorn" ausschließlich die " Vom Winde verweht"-Passage - mit dem süffisanten Kommentar: "Offensichtlich ist es genau das, wofür Menschen sterben würden." Bitter für Gates.
E-Mail wird Mainstream - Treffer
1997 prophezeite Bill Gates auf einem Microsoft-Kongress den Siegeszug der E-Mail. Seine Vorhersage damals: "In zehn Jahren wird die Mehrheit der Erwachsenen E-Mails nutzen." Stimmt: 2007 nutzen 70 Prozent der US-Bürger das Internet, 90 Prozent davon mailen regelmäßig, 68 Prozent der Deutschen sind online.
Dass E-Mail zum Alltags- und Allerweltsmedium wird, war 1997 keine ausgemachte Sache, auch wenn die Annahme heute selbstverständlich erscheint. Gates hat nicht nur die Mainstream-Prognose aufgestellt – er hat auch die Zeit recht genau eingeschätzt, die bis zu diesem Zeitpunkt vergehen würde. Respekt!
Digitale Fahr- und Eintrittskarten - daneben
Da hat das Gates-Orakel wenig Phantasie bewiesen: Der Microsoft-Gründer malte 1994 in einem Interview mit der US-Ausgabe des "Playboy" eine papierlose Zukunft aus, in der ein tragbarer Mini-PC Einritts- und Fahrkarten ersetzen soll. Gates' anschauliches Schlagwort für die Technologie damals: "Wallet PC", der Geldbörsen-Computer.
Der Microsoft-Gründer umschrieb dieses Gerät damals so: "Anstelle von Eintrittskarten fürs Theater wird Ihr Wallet PC digital beweisen, dass Sie bezahlt haben. Unsere Vision ist, dass dieser kleine, tragbare PC in etwa fünf Jahren kommt." Auch Flugtickets sollte dieser geldbörsengroße Computer ersetzen.
Heute trägt jeder solch einen Mini-Computer mit sich herum - als Mobiltelefon. Aber kaum jemand nutzt Unterwegstelefone als Träger für digitale Eintrittskarten. Im Flugverkehr werden heute gut 90 Prozent der Tickets elektronisch ausgestellt. Den umständlichen Umweg über das Handy sparen sich die Gesellschaften: Die Kunden identifizieren sich am Flughafen per Ausweis, EC- oder Kreditkarte und erhalten die Bordkarte für ihre Buchung.
Leider muss man im deutschen öffentlichen Personennahverkehr weiter Papiertickets stempeln - was in vielen Städten Besucher komplett verwirrt und unabsichtlich schwarzfahren lässt (mehr... ).
In der Londoner U-Bahn hat sich ein anderes System bewährt: Dort können Kunden seit drei Jahren Fahrkarten mit im Voraus bezahlten Oyster-Karten (mit RFID-Chip), sogenannten Smart Cards ziehen. Inzwischen werden nur noch fünf Prozent der Fahrkarten mit Münzen bezahlt.
Digitale Geldbörse - daneben
Mit dem "Wallet PC" hatte Microsoft-Gründer Gates viel vor: Nicht nur Eintritts- und Fahrkarten sollte der Geldbörsenkleinrechner speichern, sondern sogar digitales Bargeld.
O-Ton Gates: "Wenn Ihr Sohn Geld braucht, können sie fünf Dollar von Ihrem Wallet PC auf seinen übertragen." Diese Versager-Vision zitiert das US-Magazin "Forbes" heute noch genüsslich.
Allerdings war Gates Mitte der neunziger Jahre nicht der einzige,
der die Zukunftsaussichten digitaler Bargeldkonkurrenz so krass
überoptimistisch einschätzte. Als 1996 in Deutschland die Geldkarte
eingeführt wurde, waren die Hoffnungen ähnlich groß. Heute kann man mit
diesem Chip auf der Bankkarte Fahrkarten und Zigaretten kaufen, sich
damit an den neuen Zigarettenautomaten sogar als Erwachsener ausweisen.
Trotzdem: "Die Geldkarte ist ein Flop", sagte der Zahlungsverkehrsexperte Hugo Godschalk im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE
Und selbst wenn das Digitalgeld sich an Automaten durchsetzt, ist Bargeld auf einem Gebiet noch immer praktischer, urteilt Godschalk: "Im Bereich der Kleingeldzahlungen, wo man Menschen Geld gibt, ist Bares oft effizienter, schneller, einfacher."
Wie war das mit den fünf Dollar Taschengeld?
Wie das Netz unser Leben verändert - Treffer
1997 beschrieb Bill Gates in einer Rede das Internet, wie wir es heute kennen. Gates sprach von einem "Netz-Lebensstil", konkret: Wenn Menschen "eine Reise planen, einen größeren Einkauf machen, Dinge mit ihren Freunden abstimmen, werden sie das Internet als Teil dieses Prozesses verwenden."
Gates hat sehr früh die Bedeutung von dem heute so oft beschworenen "User generated Content" erkannt. 1995, als er in "Der Weg nach vorn" darüber schrieb, erwähnte er als konkrete Anwendung Produkttests: "Wenn Sie einen Kühlschrank kaufen wollen, werden Sie zuvor die Foren mit Anwender- und Testberichten durchstöbern."
Das E-Book - unentschieden
Das E-Book ist ein Lieblingsthema von Microsoft-Gründer Gates: 1995 schon prophezeite er in seinem Buch "Der Weg nach vorn", dass uns letzten Endes der Fortschritt in der Display- und Prozessortechnik ein "leichtes, universelles elektronisches Buch" bescheren werde. Und im Jahr 2000 orakelte Bill Gates wagemutig auf der Computer-Show CES in Las Vegas: "Wir haben eine Vereinbarung getroffen, die den Markt für E-Books explodieren lassen wird."
Damals richtete der US-Buchhandelsriese Barnes and Noble auf seiner Internet-Seite einen Download-Bereich für digitale Bücher ein und warb aggressiv in seinen gut 1000 US-Filialen für diesen neuen "eBookstore". Erfolglos. Die Realität klingt auf der Web-Seite von Barnes and Noble heute so: "B&N.com verkauft und unterstützt eBook nicht länger. Wir entschuldigen uns für alle Unannehmlichkeiten, die das verursachen mag."
Allerdings versucht seit Ende 2007 der E-Commerce-Riese Amazon sein Glück auf diesem Markt
mit einem eigenen Bücher-iPod, dem "Kindle"