Rechte wie linke Publizisten sind sich einig, von Arundhati Roy über Rudolf Augstein bis hin zu Dieter Stein: Der Kampf, an dessen Spitze sich Usama Bin Ladin - zurecht oder nicht - gestellt hat, ist ein antiimperialistischer. Vielleicht kommt der ein oder andere auf die Idee, dieses Verdikt zu hinterfragen. Ein Denkanstoß könnten die Anschläge in Israel sein.
Wie soll eigentlich die vom Kapitalismus befreite Gesellschaft nach dem Sieg der vermeintlichen arabischen Antiimperialisten aussehen? Niemand schreibt es. Denn niemand weiß es. Aus einem einfachen Grund: Es gibt keinen gemeinsamen Aufstand der arabischen Welt gegen den westlichen Imperialismus. Denn es gibt keine einheitliche arabische Welt, ebenso wenig wie es wirkliche gemeinsame Interessen dieser gibt.
Das hat schon vor vielen Wochen der Sudanese Hashem Hassan in einem
Diese von Hashem Hassan angesprochene Uneinigkeit ist
so schwer nicht zu entdecken, betrachtet man die jüngste Geschichte.
Nur einige Beispiele: Der blutige Krieg zwischen der PLO und der
jordanischen Armee 1970. Die Vertreibung der palästinensisch-arabischen
Terroristengruppe Fedajin aus Jordanien in den Libanon, wo sie dann zum
Zerfall desselben beitrugen. Die Invasion irakischer Truppen im Iran
1980 wegen des ideologischen Gegensatzes zwischen dem islamischen
Fundamentalismus im Iran und dem eher weltlichen Irak, der einen
Aufstand der Schiiten im Süden aufgrund iranischen Einflusses
fürchtete. Bin Ladin selbst warf noch im Dezember 1998 in einem
Jeder Staat im Nahen Osten verfolgt ganz eigene Interessen, die denen seiner Nachbarn oft widersprechen. Es gibt keinen antiimperialistischen Befreiungskampf. Doch es existiert eine Idee, die viele Menschen - zumindest einer großen Minderheit - in diesen Staaten verbindet. Diese Idee benutzt Bin Ladin, um Sympathisanten mit unterschiedlichsten Hintergründen für sich zu begeistern. Diese Idee ist es auch, die bisweilen Konflikte zwischen den arabischen Staaten überdeckt. Was im Westen so oft freudig schaudernd als radikaler Antiimperialismus goutiert wird, ist der Wille nicht nur zur Vernichtung Israels, sondern aller Juden weltweit.
Als er 1998 die "Internationale Islamische Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzritter" ausrief, spielte Bin Ladin ganz bewusst auf diese Idee an. In einem Interview mit Newsweek, das am 11.1.1999 erschien, sagte er: "Die [Internationale Islamische] Front ist ein Dach für alle Organisationen, die den Jihad gegen Juden und Kreuzfahrer kämpfen. Die Reaktion der moslemischen Nationen war größer, als wir erwartet hatten. Wir drängen sie alle, den Kampf zu beginnen, oder zumindest anzufangen, sich auf den Kampf gegen die Feinde des Islams vorzubereiten."
Der Kampf, den Bin Ladin anführen will, ist keiner
gegen Amerika. Es ist ein Kampf gegen das Judentum, als dessen Agent
Amerika angesehen wird.
"Großbritannien und Amerika agieren im Namen Israels und der Juden, um jede Macht zu zerschlagen, und zwar mit der Zielrichtung, den Juden den Weg zu ebnen, die moslemische Welt einmal mehr zu teilen und zu versklaven und den Rest ihres Reichtums zu plündern. (...) Es ist kein Geheimnis, dass die moslemische Welt in diesen Tagen von einer grausamen Offensive der Juden und der Kreuzfahrer unterworfen wird."
Auch die Angriffe auf Afghanistan sieht Bin Ladin
keineswegs als amerikanische an. Anfang November sagte er seinem
Biographen, dem pakistanischen Journalisten
Diese Sichtweise ist im
Westen allgemein bekannt. Allerdings nicht unbedingt als die Bin
Ladins, sondern eher als fundamental-oppositionelle Kritik von rechts
und bisweilen auch von links. Horst Mahler zum Beispiel schreibt in
seinem Kommentar
Ganz anders und doch sehr ähnlich klingt die im
Die Kraft dieses unterschiedlichste Völker, Ideologien und Terrorgruppen verbindenden Gedankens wollte Saddam Hussein schon im zweiten Golfkrieg zum Schmieden einer Allianz benutzen. Als der Irak zivile Ziele in Israel angriff, hieß es in den offiziellen Mitteilungen der irakischen Armee: "Die Raketen machten Tel Aviv und andere Ziel zu einem Krematorium." (zitiert nach Friedrich Schreiber, Michael Wolffsohn: "Nahost") Dieser Begriff des Krematoriums ruft wohl nicht zufällig Erinnerungen an Gaskammern und Schornsteine hervor.
Damals war Husseins Strategie nicht erfolgreich. Zum einen, weil das westliche Engagement zu stark war, zum anderen, weil nach seinen Kriegen gegen den Iran, die irakischen Kurden und Kuweit keiner der arabischen Nachbarn an eine Allianz unter irakischer Führung um der bloßen Einheit willen glaubte.
Heute sieht das aufgrund
wirtschaftlicher und militärischer Interessen des Westens und aufgrund
des von beiden Seiten - bei Scharons und Arafats Politik ist die
Verteidigung des eigenen Existenzrechts kaum von Vergeltung und
Aggression zu trennen - verschärften Nahostkonflikts etwas anders aus.
Was heute die arabischen Nachbarn - bei allen Interessenkonflikten -
vielleicht vereinen könnte, brachte Ahmed Abu Halabiya, Mitglied des
von der palästinensischen Autonomiebehörde berufenen "Fatwa-Rates" vor
gut einem Jahr in einem vom Fernsehen der Autonomiebehörde übertragenen