Man kann es ja mal versuchen: Seit Monaten verlangt die Münchner Anwältin Katja Günther in immer neuen Mahnungen von einem SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter die Bezahlung eines Abos. Angeblich hat der Kollege um 15.39 Uhr am 20. Dezember vorigen Jahres von einer IP-Adresse des Internet-Providers Freenet aus ein Abo auf der zwielichtigen Seite Online-routenplaner.de abgeschlossen. Drei Monate Zugang für knapp 60 Euro.
Nur: So kann es nicht gewesen sein. Denn zu der Zeit arbeitete der Kollege nachweislich in der Redaktion und kann die Seite gar nicht unter der Freenet-IP-Adresse aufgerufen haben.
Inzwischen hat Anwältin Günther die Forderung kräftig aufgestockt: Samt Verzugszinsen und Anwaltsgebühren verlangt sie nach drei Monaten Mahnerei mehr als 100 Euro für den angeblichen "Dienstleistungsvertrag" mit ihrer Mandantin, der Online Content Ltd.. Googelt man den Firmennamen, wird schnell das enorme Ausmaß der anwaltlich eingetriebenen Zahlungsforderungen dieser Firma für Web-Abos deutlich: Ein paar tausend Treffer liefert Google, weit vorne in der Ergebnisliste sind Seiten mit Aussagen wie:
SPIEGEL ONLINE hat mehr als ein Dutzend Internet-Angebote des Anbieters gesichtet, alle sind nach demselben Muster aufgebaut: Die Startseite wirbt für das Angebot, klickt man weiter, müssen Name, Adresse, E-Mail-Kontakt und Geburtsdatum in ein Formular getippt werden.
Im Kleingedruckten am Ende der Formularseite stehen Fußnoten wie diese: "Der einmalige Preis für einen Drei-Monats-Zugang zu unserem Routenplaner beträgt 59,95 Euro inkl. gesetzlicher Mehrwertsteuer."
Vier Dinge fallen bei diesen Angeboten auf:
Diese Gestaltung der Bezahl-Web-Seiten hat zuletzt das Oberlandesgericht Frankfurt als unzulässig erklärt - für vier der Angebote von Online Service Ltd..
Gericht nennt Abo-Seiten irreführend
In dem nun bekannt gewordenen, SPIEGEL ONLINE vorliegenden Beschluss (6 U 266/07) führt das Gericht aus: "Die hier im Streit stehenden Sternchenhinweise sind schon deshalb nicht klar und unmissverständlich, weil die Werbeadressaten überhaupt nicht in Erwägung ziehen, etwas für die Teilnahme an dem Lebenserwartungstest, dem Berufswahltest, dem IQ-Test oder dem Flirt-Portal zahlen zu müssen."
Daraufhin ist jetzt ein Urteil gegen die Online Service Ltd. vom vorigen Dezember rechtskräftig geworden. Damals urteilte das Landgericht Hanau (Az. 9 O 870/07), dass die Online Service Ltd. die Preise für die Dienstleistungen auf vier beanstandeten Seiten versteckt und damit gegen die Preisangabenverordnung und das Wettbewerbsrecht verstößt. Geklagt hatte der Dachverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Thomas Bradler, der Justiziar des Verbandes, schätzt, dass sich in Deutschland "jeden Monat rund 20.000 Web-Nutzer bei solchen Abo-Fallen im Internet registrieren".
Mahnungswelle per Mailing-Dienstleister
Wie viele vermeintliche Abo-Abschlüsse davon auf die Online Service Ltd. oder Online Content Ltd. entfallen, ist unbekannt. Weder das Unternehmen noch dessen Anwältin Katja Günther haben auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE reagiert. Aber das Unternehmen ist offensichtlich schon länger in diesem Geschäft. VZBV-Justiziar Bradler berichtet: "Mit den Anbietern hinter Angeboten wie Online-routenplaner.de oder hausaufgaben-server.com haben wir seit eineinhalb Jahren zu tun. Die als Betreiber angegebenen Unternehmen haben mehrfach gewechselt, eine Zeit lang war es die NetContent Ltd., derzeit ist es die Online Content Ltd.."
Die Zahlungen treibt Anwältin Katja Günther im großen Stil für die Online Content Ltd. ein. Bei der letzten großen Mahnungswelle, die bekannt wurde, verschickte Günthers Kanzlei Mahnungs-E-Mails mit Betreffzeilen wie "ANWALTLICHE MAHNUNG / AZ [...] / Online Content LTD." über den Mailing-Dienstleister Emarsys, der zum Beispiel für Ebay den Großversand von Newslettern abwickelt. Emarsys stoppte den Versand nach einem Hinweis des IT-Fachmagazins iX.
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GEGENWEHR: SO KÄMPFEN VERBRAUCHERSCHÜTZER GEGEN WEB-ABZOCKE Wie ist die Abo-Abzocke zu stoppen? Verbraucherschützer setzen auf Informationskampagnen, Musterprozesse und neue Gesetze.
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Wettbewerbsrechtliche Prozesse
Neues Gesetz gegen Abo-Abzocke |
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Mahnanwältin
Noch bevor aber die Gesetzesinitiative gegen Abo-Abzocke im Web kommt, könnten zumindest die Mahnungen von der Kanzlei Günther ein anderes Ende finden. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen die Anwältin Katja Günther, wie der leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte: "Es ist ein größeres Ermittlungsverfahren, das sich aus mehreren Anzeigen und einer Zuleitung der Rechtsanwaltskammer München zusammensetzt. Wir prüfen noch, welche Straftatbestände hier erfüllt sein könnten."
Die Ermittlungen dürften sich also noch einige Zeit hinziehen. Ob Anklage erhoben wird, ist unklar. Anwältin Günther hat per Fax und E-Mail übermittelte Fragen von SPIEGEL ONLINE zu ihrer Tätigkeit für die Online Content Ltd. nicht in der gesetzten Frist beantwortet, sie war unter keiner der in den Gelben Seiten und ihren Schreiben aufgeführten Nummern zu erreichen.
Ein Fax an den sogenannten Kundensupport des Angebots Online-Routenplaner.de blieb ebenfalls unbeantwortet, eine E-Mail an die im Web angegebene Adresse wurde mit einem Standardschreiben beantwortet.
Statt auf die Fragen zum Geschäftsgebaren des Unternehmen einzugehen, vermutete der Support offenbar die "Beanstandung" einer Rechnung und führte forsch aus: "Unsere Aufzeichnungen belegen Ihre Anmeldung unter Angabe Ihrer E-Mail-Adresse. An diese Adresse wurde Ihnen ein Aktivierungs-Link für den Zugang zum Mitgliedsbereich gesandt."
Offenbar geht das Unternehmen also davon aus, dass alle E-Mails von Kunden Rechnungen beanstanden.
Könnte stimmen.