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Arbeit

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In was für einer Welt leben wir eigentlich? Weniger als ein Drittel der arbeitenden Deutschen produziert heute noch etwas Gegenständliches. Das Gesamtgewicht der global gehandelten Güter ist in den vergangenen zehn Jahren gleich geblieben, während ihr Wert sich vervielfacht hat. Und in Hongkong verdient ein Unternehmen 880 Millionen Dollar im Jahr damit, virtuelle Gegenstände in Onlinespielen zu erbeuten und für echtes Geld an Spieler zu verkaufen. „Die gewichtslose Wirtschaft“ nennt der britische Soziologe Anthony Giddens diese Entwicklung. Stimmt schon – Nichtgreifbares wird immer wertvoller. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die gewichtslose Wirtschaft frisst tonnenweise Papier, allein in Deutschland heute zwölfmal so viel wie 1950, weltweit soll der Papierverbrauch in den kommenden zehn Jahren um ein Drittel steigen. Warum? Weil Ideen immer eine feste Form finden müssen, um zu wirken, wie der Schriftsteller Michel de Montaigne schrieb: „Der Menschengeist hat keinen Halt, wenn er sich in der Unbegrenztheit gestaltloser Gedanken bewegt: Er muss sie zu bestimmten Bildern verdichten, die seiner Welt entnommen sind.“ Bleibt also die Frage, wie die Welt aufs Papier kommt.

Am Anfang sitzen da ein paar Menschen zusammen und reden. Gestaltlose Gedanken fliegen durch den Raum, morgens in einer Konferenz, tagsüber im Auto, spät abends beim Bier, noch später beim Wein. Jemand schreibt mit, auf einer Serviette, einem Bierdeckel, in einem Notizbuch, auf dem Rand einer Zeitschrift. Und zerknüllt vielleicht ein paar Minuten später das Papier. Was bleibt: ein paar Ideen für ein Magazin, ein Buch, eine Broschüre. Und ein Haufen zerknüllter Blätter. Einige der Ideen skizziert dann (meistens nachts) ein Grafiker aufs Papier, sucht Fotos, druckt sie aus, stapelt sie, behält die besten, wirft die anderen weg, entwirft ein erstes Layout, druckt es aus, wirft es weg, holt die zerknüllten Ausdrucke aus dem Müll, entwirft etwas Neues. Und so weiter. Was bleibt: die „bestimmten Bilder“ Montaignes. Und zerknüllte bunte Seiten mit vielen unbestimmten.

Der Redakteur arbeitet ganz ähnlich. Er schreibt, druckt, zerknüllt, raucht, schreibt, druckt, streicht. Und irgendwann, nach langer, langer Zeit, probiert er mit einem Filzstift Überschriften auf dem Papier aus. Übrig bleiben dann ein paar starke Sätze und eine Menge zerknüllter schwarzweißer Seiten mit Grauwert (so nennen Grafiker Text). Irgendwann stehen alle Redakteure und Grafiker zusammen vor einer Wand und schauen auf bedrucktes Papier. Dann reißen sie die Hälfte ab und machen sie neu. Was bleibt: endlich etwas Druckbares. Und Papiermüll in den Büros aller Beteiligten. In der Druckerei bekommt die Idee ihre letzte Form, die, ohne die alles nichts wäre: Sie wird geprooft, geplottet, gedruckt, veredelt, geprägt, geschnitten, gefalzt, geheftet, geklebt, verpackt und palettiert. In VVA-Zahlen: 31.000 Tonnen Papier, 390 Tonnen Farbe, 10 Tonnen Lack, 140.000 Druckplatten. Jährlich. Und wie bemisst man das Gewicht der Ideen, der gestaltlosen Gedanken der Grafiker, Redakteure und Fotografen? Am Papiermüll. Auch der ist greifbar, vielleicht sogar wertvoll. Morgen machen wir neuen.

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