"Fast alles, was wir tun, wird irgendwo erfasst", erklärt der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es gibt heute kaum einen Lebensbereich, in dem nicht irgendein Unternehmen personenbezogene Daten sammelt: Autounfälle, Internet-Bestellungen, Einkäufe im Supermarkt, Leasing-Abschlüsse, Kredite, Handy-Verträge, Umzüge - zu fast allem steht in irgendeiner Datenbank etwas.
Firmen dürfen diese Sammlungen laut Datenschutzgesetz pflegen, solange sie ein "berechtigtes Interesse" daran haben und diesem kein sogenanntes "schutzwürdiges Betroffeneninteresse" entgegensteht. Sprich: Wenn Firmen sich gegen säumige Zahler und Kreditausfälle schützen wollen, ist das ein berechtigtes Interesse. Allerdings dürfen sie in solchen Schuldner-Datenbanken nicht alles speichern - so sind zum Beispiel Details zu Religion, politischer Überzeugung und Sexualverhalten generell tabu, da qua Gesetz "schutzwürdig".
Abgesehen von solchen wenigen klaren Details ist die Abwägung zwischen den Interessen der Datensammler und denen der erfassten Bürger oft arg "interpretationsbedürftig", wie Datenschützer Weichert es ausdrückt. Sprich: Die Grenzen sind fließend und im Streitfall müssen Gerichte entscheiden.
Auskunfteien - Schufa, Creditreform, Infoscore
Wer bezahlt pünktlich, wer braucht erst ein paar Mahnungen, mit wem haben Firmen richtig Ärger wegen ausstehender Zahlungen? Solche Informationen über das Zahlungsverhalten von Bürgern sammeln sogenannte Auskunfteien. Unternehmen schließen sich als Vertragspartner an, teilen ihre Informationen und dürfen sich aus den Datenbanken der Auskunfteien über ihre potentiellen Neukunden informieren. Einige Unternehmen errechnen aus den Datenbeständen einen persönlichen Score, eine Art Note für das Zahlungsverhalten.
Wie viele Daten haben die Unternehmen?
Was wissen sie?
Wofür nutzen sie die Informationen?
Unternehmen schätzen anhand der Bewertungen von Menschen ein, wie sie mögliche Neukunden behandeln - Lieferung nur nach Vorkasse? Kreditwürdig und falls ja, zu welchen Konditionen und mit welchem Risikoaufschlag?
Die Schufa bietet Vertragspartnern allerdings auch Dienstleistungen wie die Recherche neuer Anschriften und Telefonnummern an. Außerdem im Paket: "Schufa-Adressabgleich", die "effiziente Neukundenansprache". Auszug aus dem Werbetext: "Bei potentiellen Neukunden hilft unser Adressabgleich, bei dem wir große Adressbestände nach vorab definierten Kriterien mit unseren Informationen zur Bonität von Kunden abgleichen."
Was halten Datenschützer davon?
Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar kritisierte im Juni in der "Zeit", es sei ein Skandal, dass "hinter dem Rücken der Betroffenen Daten massiv zusammengeführt und Schlüsse gezogen werden". Thilo Weichert sagte, dass sich seinen Erfahrungen nach "die Branche notorisch unwillig zeigt, Kritik und Anregungen anzunehmen".
Adresshändler - Global Group, AZ Direct, Schober
In der Umgangssprache heißen sie immer noch Adresshändler, dabei bieten Firmen wie die Global Group oder AZ Direct ihren Kunden heute viel mehr: Wer Werbepost verschicken will, kann bei den Direktmarketingexperten nicht nur Adressdaten nutzen, sondern die Empfänger auch nach Kriterien wie "Pkw-Bestand" oder "Mode für große Größen" filtern.
Wie viele Daten haben die Unternehmen?
Was wissen sie?
Konzerne - wie zum Beispiel die Telekom Daten verwertet
Auch deutsche Konzerne sammeln Daten ihrer Kunden - von der Telekom ist bekannt, wie sie weiterverwertet werden. Ein eigener Inkasso-Tochterfirmenverbund namens Saf Solutions schlägt sich mit säumigen Zahlern herum und bietet seine Dienste auch anderen Firmen an.
Wie viele Daten haben die Unternehmen?
Auf der eigenen Seite hält sich die SAF mit Angaben zum Datenbestand zurück. Der SPIEGEL berichtet im April von einer SAF-Werbeveranstaltung. In der Einladung wurde darauf hingewiesen, dass SAF über eine "umfangreiche Informationsbasis mit Positiv- und Negativdaten zu über 32 Millionen Haushalten in Deutschland" verfüge.
Das Unternehmen ist nach Eigendarstellung aber auch als Adressermittler tätig. Die SAF-Tochter "accumio finance services" bietet entsprechende Nachforschungen in diversen verknüpften "Datenpools" an. Aussage: "In der Umzugsdatenbank der Deutschen Post Adress GmbH sind circa 60 Prozent aller umzugsbedingten Adressänderungen gespeichert. Auf diese Daten ermöglichen wir Ihnen den aktuellen Zugriff."
Was wissen sie?
Vor den Kunden auf der vom SPIEGEL beschriebenen SAF-Werbeveranstaltung präzisierten SAF-Vertreter, man habe Zugriff auf den "relevanten Datenbestand der Deutschen Telekom AG", allein im Festnetz und Mobilfunk seien das 55 Millionen Datensätze mit "Adressinformationen, Zahlungsverhalten und soziodemografischen Merkmalen".
Das sei ein Missverständnis, erklärte die SAF später auf Anfrage des SPIEGEL: Hauptkunde sei die Deutsche Telekom, an externe Firmen würden nach dem geltenden Recht ausschließlich eindeutige, nicht bestrittene Inkassofälle weitergegeben, wie bei anderen Auskunfteien auch.
Versicherungen - das Hinweis- und Informationssystem (HIS)
Eine besondere Art des Auskunftei ist das Hinweis- und Informationssystem (HIS) der Versicherungen. In diesen Datenbanken speichern die beteiligten Unternehmen je nach Versicherungsart zum Beispiel bei gemeldeten Kfz-Schäden Kennzeichen, Adressen und Namen der beteiligten Versicherungsnehmer, Zeugen und Anspruchsteller, bei Lebensversicherungen das Geburtsdatum und andere Details.
Laut einer Analyse des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein (ULD) lag die Zahl der Datensätze im vorigen Jahr bei 9,5 Millionen. ULD-Chef Thilo Weichert kritisiert die Datenbank als "hochproblematisch". Er weist aber darauf hin, dass die Versicherungswirtschaft derzeit mit den Datenschützern an einem neuen Auskunftssystem arbeite, das einen Kompromiss zwischen dem Interesse der Versicherer an optimaler Betrugsprävention und dem der Kunden an mehr Datenschutz schafft.