Katalog zum Comicfest München, 2001
Wo sollten deutsche Zeichner in den späten siebziger Jahren ihre Comics veröffentlichen, wenn es für Erwachsene schon unziemlich genug war, überhaupt welche zu lesen? Comics galten als Unterhaltung für Kinder. Dass sie auch von Erwachsene für Erwachsene gezeichnet werden können, entdeckten in Deutschland erst die 68er. Zumindest der kleine, Robert Crumb lesende Teil der Bewegung. Crumb erzählte gern, dass sein erster LSD-Trip 1965 ihm berühmte Figuren wie Mr. Natural und Flakey Foont beschert hatte und widmete viele Geschichten seinen sexuellen Obsessionen. „Er war das Hippieidol überhaupt, der Held des Untergrundes. Immer gut kamen die Geschichten, wie er mit seiner Frau durch San Francisco zog, und aus einem Kinderwagen voller Hefte seine Comics verkaufte“, erzählt Rolf Boyke, der das erste Münchner Heftl mitgründete. Crumb war WG-kompatibel, doch über Duldung ging das Verhältnis meist nicht hinaus. „Es gab vielleicht hier und dort Leute die etwas zeichneten, aber die kannten sich und vor allem ihre Comics nicht, da es keine Möglichkeit gab, zu veröffentlichen“, erinnert sich Boyke. Alternative Stadtmagazine wie das „Blatt“ in München waren nicht gerade scharf auf Comics: „Die hatten zwar ein paar Bilder zur Auflockerung zwischen den Texten, aber ansonsten wehrten sie sich gegen Comics.“ In einigen dieser wenigen leeren Flächen durfte Johann „Hansi“ Kiefersauer als Nachfolger des nach Berlin abgewanderten Gerhard Seyfried zeichnen, 1978 rief er dann in einer „Blatt“-Anzeige nach anderen Zeichnern.
So fanden vier Münchner zusammen: Boyke, Kiefersauer, Ewald Lang und Gabriel Nemeth. „Zomix“ entstand, das erste selbstverlegte Comicmagazin Deutschlands, das auf mehrere Ausgaben kam. Bis 1982 erschienen „Zomix“ elf mal. Schwarzweiß und im DIN A4 Format kosteten die Hefte mit drei Mark mehr als „Mickey Maus“. Und doch schaffte „Zomix“ eine Auflage von 1000 bis 2000 Exemplaren. Verkauft wurden die Hefte über linke Buchhandlungen erst in München, dann in ganz Deutschland. „Die haben zunächst mit spitzen Fingern vielleicht fünf Exemplare genommen“, klagt Boyke und geht zum Happy End über: „aber wenn die paar Hefte weggingen, sind wir bei der nächsten Ausgabe 30 oder 50 Stück bei dem Buchladen losgeworden.“
Die Druckkosten für das erste „Zomix“ hatten die Herausgeber erst nach der vierten Ausgabe wieder eingenommen, aber ihr Lohn war ja auch ein immaterieller. „Zomix“ wurde über die Buchläden in ganz Deutschland bekannt und Zeichner suchten über das Heft Kontakt zu Gleichgesinnten. 20 bis 30 Seiten Geschichten kriegte „Zomix“ je Ausgabe von fremden Zeichnern zugeschickt, ein Drittel des Heftes wurde mit einer Auswahl daraus gefüllt. „Nur durch Konkurrenz kommt man als Zeichner voran, das war eine wesentliche Intention bei Zomix“, fasst Boyke zusammen.
Die Themen der „Zomic“-Geschichten waren ebenso von ihrer Zeit beeinflusst wie die in der Alternativpresse à la „Blatt“. Boyke: „Wir waren nicht so verbissen, aber natürlich hatten wir viele Anti-AKW Geschichte, Sachen über Land-WGs, oder irgendwelche verarbeiteten WG-Beziehungen, von Zeichnern die das Glück hatten, mal eine Beziehung zu haben.“ Im Vergleich zu den Heften der späten achtziger, frühen neunziger Jahre charakterisiert Boyke „Zomix“ so: „Wir wären nie auf die Idee gekommen, eine Seite schwarz mit nur eine Sprechblase darin zu belassen, da war uns der Platz zu schade für. Wir wollten möglichst viel in Fitzelzeichnungen auf die Seiten packen.“ Was nicht negativ verstanden werden darf. „Tentakel“-Herausgeber Gerhard Schlegel wendet ein: „Der cleane, großflächige Stil der Spätachtziger wird heute eher kritisch gesehen, die Bewegung geht zum Teil zurück zu Robert Crumb.“
„Zomix“ war 1982 am Ende. Lästige Arbeit verteilt sich schwer. „Mit der Zeit waren mehr und mehr grafische Aufträge da, die auch bezahlt wurden. Deshalb blieb weniger Zeit für die Heftl“, sagt Boyke.
Nach „Zomix“ raffte sich die Münchner Szene zu zahlreichen vielversprechenden Projekten auf, die jedoch kaum länger als eine Ausgabe existierten: „Ramba Zamba“ 1986 oder die vier „Comik Reflektor“ Ausgaben zwischen 1982 und 1987.Eine Zeitlang hatten Zeichner einen Treffpunkt im Comicladen in der Augustenstraße, wo Rolf Boyke 1985/86 arbeitete und in Kleinstauflagen Pikkolo-Hefte herausgab. Christian Moser, damals mit Anfang 20 neu in der Münchner Comicszene, heute Autor einiger Comicbücher und immer noch in München, erinnert sich an die Atmosphäre Mitte der achtziger Jahre: „Irgendwie war es eine relativ unfreundliche Grundstimmung. Viel Konkurrenzdenken und Anschweigen, wenig Kommunikation.“
1988 entstand zu der Münchner Ausstellung „Schock und Schöpfung – Jugendkultur des 20. Jahrhunderts“ das einmalige Comicheft „Swamp“, aus dem 1989 das von Ralf Palandt und Anton Mergl gegründete „Kromix“ hervorging. Acht Ausgaben erschienen bis 1994. Das Magazin ähnelte in vielem „Zomix“. Zum einen hatte das Heft einen klaren politischen und soziokulturellen Hintergrund: Punk. Da schießen Polizisten Junkies schon mal in den Kopf und rufen fröhlich: „Kampf den Drogen!“ Aber als Diskussionsforum für Zeichner war „Kromix“ nur ein geringer Ersatz für „Zomix“.
Zwar gab es in München einen Comicstammtisch, dessen Bekanntheit dazu gereichte, Gerhard Schlegel aus dem 100 Kilometer entfernten Kaufbeuren anzulocken („Ich wollte bei Ramba Zamba mitmachen, war da aber wohl zu schlecht und wurde nicht abgedruckt“), doch laut Christian Moser, der das erste „Kromix“ mit einer „Ansammlung teilweise geschmackloser Witze“ über Jesus bereicherte, entstand keine Gemeinschaft um das Heft: „Man wurde von Kromix angerufen und zeichnete dann was, das war eigentlich auch schon alles an Kontakt.“
Anfang der neunziger Jahre schlug die Stimmung um: Comics wurden hip und Comicszeichnen umso hipper. Rainer Schneider, heute Herausgeber des Heftes „Comicaze“, erinnert sich an einen „Feuilleton-Boom. Die Zeitungen haben viel über Comics geschrieben, die Verlage haben viel mehr Material ausgestoßen.“ Die Albenpreise stiegen, die erste Welle comicsozialisierter Spät-68er verdiente regelmäßig und gut. Auch die Zeichner änderten sich. Christian Moser beschreibt die neue Generation: „Es gab einen Umschwung, gerade in München tummelten sich viele junge, ehrgeizige Zeichner, die unter dem künstlerischen Einfluss von amerikanischen Zeichnern wie Frank Miller und Bill Sienkewiz standen. Es ging nicht mehr darum, nur Geschichten zu erzählen, sondern sie grafisch zu erzählen.“
Aufbruchsstimmung war bereits bei der von Fred Öttl organisierten „Comix“-Ausstellung in der Kulturwerkstatt Ost zu spüren, ihre Initialzündung erlebten die neuen Heftl 1991 in einer Münchner Altentagesstätte. Tom Ising und Michael Kain leisteten hier ihren Zivildienst ab, und organisierten dazwischen die Ausstellung „Total Comic“ im Feierwerk. 25 Zeichner saßen an einem Tisch und ließen sich von den beiden euphorischen Frühzwanzigern mitreißen. „Sie riefen zu jedem Danke, Danke, Danke, dass du da bist“, sagt Moser. Damals entstand die Idee eigener Signierstunden der Münchner Zeichner bei der Ausstellung. „Eigentlich ging es nur darum, dass der Verkäufer nicht allein ist, aber als wir dann da saßen, uns betranken und Leute mit Eddingstiften anmalten merkten wir: So geht PR.“ Zeichner benahmen sich wie Stars, um solche zu sein.
Der gesunde Größenwahn gebar dann das kostenlose Comicmagazin „Comicstrich“. Zunächst war es nur ein Katalog zur Ausstellung. Doch die Zeichner hatten es satt, „in Fanzines ausschließlich für andere Zeichner zu arbeiten“, wie Moser erklärt: „Wir wollten ein Publikum, das sonst nicht in Comicläden ging.“
Nachdem Jurastudent Alexander Kraffczyk die Vereinssatzung für „Comicstrich e.V.“ gefertigt hatte, erschien 1993 die erste Ausgabe. Die Auflage stieg von 2500 auf durchschnittlich 8000, zwischenzeitlich gar auf 12000 Exemplare. Bis 1995 erschienen neun Ausgaben, die in Münchens Kneipen auslagen. Die Auflage finanzierte der Verein durch die selbstgestalteten Anzeigen in dem Heft. Verlagskaufmann Stephan Vorbrugg schaffte es mit eiserner Hand, einen satten Gewinn mit jedem Heft zu erwirtschaften.
Der „Comicstrich“ verstand sich als Magazin: In Textstrecken wurden Künstler vorgestellt – und gerne auch zu Stars stilisiert, wie in der Klatschspalte „Cabels Comic Cosmos“. Mit dem damals auch erscheinendem „Kromix“ verband „Comicstrich“ eine – wie Moser heute findet – „zweifelhafte“ Feindschaft a la Oasis und Blur. Den Ruf als böse, elitäre Jungs verdienten sich die Comicstricher und Comicstricherinnen nicht nur mit Freibiereskapaden im Hugendubel, sondern vor allem mit ihrer harten Kritik. „Wir fanden, dass in den damaligen Fanzines 20 bis 30 Prozent Mist waren. Wir wollten niemanden nur zeichnen lassen, weil er ein netter Kerl ist“, rechtfertigt Moser und gesteht ein: „Gut, wir galten dann als fies, brutal und arrogant, aber eigentlich wollten wir nur Qualität. Wenn mitmachen wollte, musste sich schon der Kritik stellen und etwas aushalten. Wir sind aber wohl etwas zu sehr auf der Elitewelle geritten. Am Anfang hatten wir 40 Zeichner auf unserer Liste, 15 davon gehörten zum engen Kreis der Organisatoren. Am Ende waren das nur noch fünf. Die Leute wurden aber nicht wegen unserer Art weniger – es wurden sogar mehr! Aber die Organisatoren ermüdeten.“
Nachdem Stephan Vorbrugg aufhörte, war der Überschuss auf dem Vereinskonto auch bald aufgezehrt. Am Ende waren zu wenige, zu ausgebrannte Menschen übrig – der Comicstrich erschien im April 1995 zum letzten Mal. Überdauert hat ihn der seit 1993 regelmäßig stattfindende Stammtisch am zweiten Mittwoch jedes Monats, zu dem sich auch heute Zeichner zusammenfinden. Am zweiten übrigens, weil Comicstrich-Zeichnerin Claudia Kreile am ersten Mittwoch immer Kirchenchorprobe hatte.
Rainer Schneider, der schon bei „Comicstrich“ als Textchef mitgewirkt hatte, organisierte einige Zeichner, um die Nachfolge von „Comicstrich“ anzutreten. Vereinssatzung, Restgeld und einige Künstler übernahmen sie, als direkter Nachfolger von „Comicstrich“ erschien „Comicaze“ erstmals im April 1997. Das Heft verzichtet auf den großen Magazinteil von „Comicstrich“. Schneider sagt: „Wir sind grafischer, eigentlich nur eine Menge Leute, die scharf drauf sind, alle paar Monate Comics zu veröffentlichen. Comicstrich war dagegen schon fast ein Lifestyle-Magazin.“
Inzwischen haben es Comics schwerer als in den frühen Neunzigern. Damals produzierte etwa das SZ-Magazin einmal im Jahr eine Comic-Ausgabe und „Comicstrich“ konnte sich die Läden aussuchen, die hip genug waren, um mit gezeichneten Anzeigen inserieren zu dürfen. „Comicaze“ ist infolge des Boommangels bescheidener, aber nicht anspruchsloser. Drei bis vier Seiten jeder Ausgabe gehören sorgsam ausgewähltem Nachwuchs, dazu kommen Geschichten von Altstars wie dem „Fix und Foxi“-Zeichner Florian Julino. Alle vier bis fünf Monate erscheint eine Ausgabe in einer Auflage von 8000 bis 10000 Exemplaren.
Einige „Comicaze“-Zeichner gründeten 1998 das Münchner Heft „Tentakel“. Die Initiatoren Gerhard Schlegel und Elke Reinhart hatten als Laska Comic bereits 1997 mit ihrem Nesmo-Comic für das Comicfest viel Aufmerksamkeit erregt. „Tentakel“ erscheint einmal im Jahr in aufwendiger Ausstattung auf luxuriösem Papier für 19,80, ab 2001 für 24,80 Mark. Die Geschichten haben mit durchschnittliche acht Seiten ein anderes Format als die typischen Einseiter in „Comicaze“. Gerhard Schlegel erklärt warum: „Auf diesem Platz kann man ganz andere Geschichten erzählen, die nicht nur mit dem einen Gag enden, auf den sie geradlinig hinlaufen. Am Anfang war Tentakel schon sehr bewusst der Versuch Kunst zu wagen, Avantgarde zu machen.“ Für das Gelingen dessen wurde „Tentakel“ 1999 mit dem „ICOM Independent Comic“ Preis ausgezeichnet.
Inzwischen will Schlegel mit „Tentakel“ wieder weg vom Kunstanspruch, der noch aus dem Boom der frühen neunziger Jahre stammt: „Heute halte ich nicht mehr viel von Dingen wie großflächigen, graphischen Gedichtsinterpretationen. Wir wollen wieder hin zum Geschichtenerzählen, wie es in Zomics gepflegt wurde“. Und vielleicht wird „Tentakel“ gerade damit Avantgarde bleiben.